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Vorbemerkung

Auf dem 4. Deutschen Geoforum 2011 – 11./12. April in Berlin – wurde mit über 120 Teilnehmern die Rolle und Bedeutung von Geoinformationen zur Lösung von aktuellen Fragestellungen der Energiewirtschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der Energiewende und der verstärkten Nutzung von regenerativen Energien, intensiv diskutiert.

Es zeigte sich, dass das Potenzial von Geoinformationen zu Zwecken von Analyse und Planung bereits umfänglich von Behörden und Institutionen genutzt wird. Zu wenig bekannt scheinen jedoch die modernen Methoden der Internetkommunikation in Verbindung mit Geoinformationssystemen (GIS) zu sein, vor allem, wie sie für eine optimale Bürgerkommunikation eingesetzt werden können und Transparenz „auf einen Blick“ hergestellt werden kann.

Vor diesem Hintergrund hat die Mitgliederversammlung des DDGI am 7. Juni 2011 beschlossen, dass eine Expertenrunde des DDGI die Erkenntnisse aus der Sicht des Geoinformationswesens zusammenfasst und ein Positionspapier entwickelt, mit dem der aktuelle Stand und die zukünftigen Anforderungen an Geoinformationen bezüglich der Energiewende dargelegt werden.

Das Papier wurde in der Version 1 im Herbst 2011 veröffentlicht und einem breiten Kreis von Adressaten zugestellt. Mit über 20% war die Resonanz aus dem Kreis von Behörden, Verbänden und Energieversorgern durchweg positiv und zufriedenstellend.

Zudem erhielt der DDGI eine Reihe von konstruktiven Hinweisen aus den Reihen der Mitglieder, von Verbänden, Behörden und Organisationen. In der hier vorliegenden Version 2 sind soweit möglich die Anregungen und Kommentare berücksichtigt. Ergänzt wurde zudem eine Auflistung derjenigen Verbände, die im Zuge der Diskussionen zur Überarbeitung ihre ideelle Unterstützung der Ziele des Papiers signalisierten. Ihnen und allen direkt und indirekt an der Entstehung des Papiers Beteiligten sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Mitglieder der DDGI Arbeitsgruppe „Energiewende und Geoinformationen“:

    • Holger Bronsch, AED SICAD AG, Berlin

 

    • Prof. Dr. Gerd Buziek (Leitung), Esri Deutschland Group GmbH, Kranzberg

 

    • Joachim Deutschmann, Deutscher Markscheider-Verein e.V., Herne

 

    • Dr. Martin Fornefeld, MICUS Management Consulting GmbH, Düsseldorf

 

    • Daniel Holweg, M.O.S.S. Computer Grafik Systeme GmbH, Taufkirchen

 

    • Franz Jaskolla, Infoterra GmbH, Immenstaad am Bodensee

 

    • Dr. Andreas Müterthies, EFTAS Fernerkundung Technologietransfer GmbH, Münster

 

    • Joachim Restle, AED SICAD AG, Bonn

 

    • Dr. Andreas Rose, grit graphische Informationstechnik, Werne

 

    • Dr. Wolfgang Steinborn, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V., Bonn

 

    • Carsten Wedekind, Deutscher Markscheider-Verein e.V., Pirna

 

1. Ausgangssituation

Politik und Gesellschaft diskutieren derzeit intensiv die Entwicklungen im Bereich der Energiewende. Seit dem Beschluss zum Atomausstieg in Deutschland stehen Bund, Länder und Kommunen vor neuen Herausforderungen beim Ausbau regenerativer Energien.

Es ist dringend geboten, den Raumbezug des neuen Energiesystems von vornherein als öffentlich darzustellenden Internet-Geodienst (kurz „Geodienst“) vorzusehen. Ein solcher Dienst kann zukünftig die zentrale Internet-Plattform sein über die sich Bürger aktiv an der Diskussion – beispielsweise zum Netzausbau und zur Planung von Standorten für neue Windkraftanlagen und Biogasanlagen inklusive der damit verbundenen Planung der notwendigen Landnutzungsänderungen – beteiligen können.

Eine solche Internet-Plattform kann entscheidend dazu beitragen die gesellschaftliche Diskussion zum Umbau der Energieversorgung zu versachlichen und auf eine einheitliche Daten- und Informationsgrundlage zu stellen. Zwar informieren heute schon diverse Webauftritte (bspw. www.netzentwicklungsplan.de, www.netzausbau.de) die Öffentlichkeit über den Stand der Planungen; häufig jedoch ist der Inhalt aufgrund der ausgeprägten Textlastigkeit nur zeitaufwändig zu erschließen.

Ein Lösungsweg besteht in der konsequenten Verwendung von Geoinformationssystemen (GIS) in Verbindung mit Webauftritten, so dass Transparenz für den interessierten Bürger „auf einen Blick“ hergestellt werden kann. Beispielhaft sei hier auf den Internetauftritt der Europäischen Umweltagentur (European Environmental Agency, EEA, Kopenhagen, www.eea.europa.eu/de) verwiesen. Der Webauftritt zeigt wie mit dem Internetprojekt „Eye on Earth“ (www.eyeonearth.org) umweltrelevante Projekte und Sachverhalte optimal und für den Bürger verständlich kommuniziert werden können.

Die stichprobenartige Sichtung von Webauftritten wie www.netzentwicklungsplan.de, www.netzausbau.de oder www.mitreden-u.de zeigt, dass Geodaten hierzulande der „missing link“ sind, der heute noch in der öffentlichen Diskussion fehlt. Insofern mangelt es an Webmaps.

Insgesamt geht es jedoch nicht nur um die Darstellung im Internet, sondern auch um die flächendeckende Erfassung, Bereitstellung, Verfügbarkeit, Suche, Findbarkeit und Lizenzierung von relevanten Geoinformationen. Zwar sind in den letzten Monaten mit Geoinformationsdiensten wie www.geoportal.de, www.geoinfomarkt.org und www.geolizenz.org Ansätze zur Bündelung von Geoinformationsthemen unternommen worden, jedoch steht der Beweis der Praktikabilität noch aus. Insofern bleibt abzuwarten, ob die von der AdV und der GIW-Kommission gestarteten Modellprojekte den erhofften Erfolg bringen um Geoinformationen schnell und unkompliziert miteinander zu verknüpfen und zu visualisieren.

Darüber hinaus müssen auch geeignete Daten zur Schließung dieser Lücke – wie z. B. im Falle der Biomassepotenziale in Deutschland – oft in aller Eile erfasst werden, um unter anderem die Standortplanung für Biogasanlagen oder auch den bestmöglichen Verlauf neuer Fernleitungen fachgerecht beurteilen zu können. Auch derartige Geodaten müssen unverzüglich über zentrale Auskunfts- und Lizenzierungssysteme (s. o.) zugänglich gemacht werden.

Als Quintessenz fehlt es an einem Geodienst „Energiesysteme in Deutschland“, der als bundesweite, einheitliche georeferenzierte Grundlage einen klaren Beitrag zur Diskussion von Bürgern und Politik zum Netzausbau und Energiesystemumbau in Deutschland leisten kann, und der über diverse Internetauftritte publiziert und verbreitet wird. Dieser Dienst sollte auch die erforderlichen organisatorischen Maßnahmen und Zuständigkeiten umfassen, denn häufig ist das Problem nicht die Technologie, sondern deren nachhaltiger Betrieb!

Der DDGI hat dieses Positionspapier erstellt, um Meilensteine dafür aufzuzeigen. Es soll als Angebot an die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung verstanden werden, um diese Anregungen aufzugreifen und beispielsweise in Gesetzgebungsprozesse einfließen zu lassen oder in der operativen Umsetzung (Bürgerkommunikation) zu berücksichtigen.

In diese Überarbeitung (Stand: 30. August 2012) sind eingeflossen:

    • Inhaltliche Hinweise vom DMV vom 29. September 2011

 

    • Inhaltliche Hinweise von ForWind vom 15. März 2012

 

    • Ergänzende Hinweise der GIW-Kommission vom 30. März 2012

 

    • Stellungnahme der AdV vom 16. April 2012

 

    • Stellungnahme des IMAGI vom 24. August 2012

 

    • Ergänzung durch eine Linksammlung mit Beispielen zur Verwendung von Geoinformationen für die Bürgerbeteiligung (Anhang A)

 

    • Ergänzung durch eine Liste der ideellen Unterstützer (Anhang B)

 

2. Bedarfsanalyse und Optimierungspotenzial

Aus den Beschlüssen zur Energiewende lassen sich die für die Umsetzung notwendigen Kernprozesse ableiten. Hierzu zählen:

    • der Ausbau der Nutzung regenerativer Energien,

 

    • die Effizienzsteigerung bei der Nutzung fossiler Energieträger sowie

 

    • Maßnahmen zur Energieeinsparung und

 

Bereits heute ist absehbar, dass der Ausbau der Nutzung regenerativer Energien  weitreichende Auswirkungen auf die Landnutzung haben wird. Hierzu zählt die Intensivierung der Landnutzung z. B. für die Biomasseerzeugung u. a. für Biogasanlagen. Geodaten leisten  bspw. durch präzise Biomassepotenzialanalysen einen wichtigen Beitrag zur Entschärfung von Flächennutzungskonflikten zwischen Lebensmittelproduktion und Biomasseproduktion für die Energiegewinnung. Zudem ergeben sich vielfache Nutzungskonflikte zwischen dem Ausbau regenerativer Energien (u. a. durch Biomasseanbau, Biogasanlagenbau, Windkraftanlagenbau) und dem Umwelt- und Naturschutz. Dabei sind z. B. Geodaten zum Standortpotenzial bzgl. Wind, Biomasse, und Solarenergie mit Geodaten zur Umweltverträglichkeitsprüfung abzugleichen. Zur Lösung dieser aufgeführten Konflikte sind also geeignete Geodaten eine wichtige Entscheidungsgrundlage für Wirtschaft, Verwaltung und Politik.

Bei der Nutzung fossiler Energieträger ist die Nutzung von Geodaten in allen Phasen von der Lagerstättenerschließung bis zur nachsorgenden Überwachung stillgelegter Gewinnungsbetriebe (u. a. Bodenbewegungsmonitoring von Altbergbauflächen) weiterhin eine wesentliche Arbeitsgrundlage. Durch die weltweite Verknappung fossiler Energieträger und gleichzeitig steigenden Anforderungen für die effiziente und umweltgerechte Nutzung kommt Geodaten eine umso wichtigere Rolle zu. Die aktuellen Kontroversen um die Nutzbarkeit bisher unerschlossener unkonventioneller Erdgaslagerstätten durch Einsatz von Frackingverfahren belegen auch hier die gehäuft zu erwartenden Nutzungskonflikte. Ohne fundierte Geodaten ist dabei eine sichere Risikobewertung der geplanten Rohstoffgewinnung nicht möglich.

Geodaten dienen ebenfalls als wichtige Entscheidungsgrundlage zur Umsetzung von Maßnahmen zur Energieeinsparung. So sind u. a. zur Gewinnung von Informationen zur energetischen Bewertung des Gebäudebestands 3D-Gebäudemodelle förderlich. Mit Hilfe dieser Modelle kann u. a. über die freie Dachfläche und Dachausrichtung auf das Solarpotenzial eines Gebäudes geschlossen werden (vgl. Anhang A). Auch zur Berechnung der Energieeffizienz von Gebäuden können Gebäudemodelle z. B. in Kombination mit Daten zur Wärmeabstrahlung sinnvoll verwendet werden. Diese Modelle werden mittlerweile nahezu vollautomatisch auf Basis von Fernerkundungsdaten (z. B. Satellitenbilder, Luftbilder, Laserscannerdaten) erstellt. Auch im Bereich Verkehr kann z. B. durch die Verwendung von Geodaten (Verkehrsinfrastrukturdaten) für die Logistikoptimierung oder auch zur Unterstützung von e-mobility Konzepten (Fahrstreckenoptimierung, Nutzung in Fahrerassistenzsystemen) eine deutliche Energieeinsparung erreicht werden.

Über 4000 km Stromtrassen sind neu zu bauen, zur Lieferung von Strom aus Erzeugerregionen (z. B. Windenergie aus Norddeutschland) zu den Verbrauchern (z. B. in Süddeutschland), zur Förderung der dezentralen Energieerzeugung (z. B. smart grid) sowie zum Ausbau der Speicherkapazität (z. B. durch Pumpspeicher). Es sollte ein Geodienst auf Basis der amtlichen ATKIS-Daten aufgebaut werden, der die derzeitigen und geplanten Trassenverläufe darstellt und den Bürgern zur Verfügung steht.

Zusammenfassend lässt sich zur Umsetzung der aufgeführten Kernprozesse und begleitenden Maßnahmen für die Energiewende folgender Bedarf an Geodaten ableiten:

Prozess Geodatennutzung u.a. für: Notwendige Geodaten
Geobasisdaten Geofachdaten
Effizienzsteigerung bei
der Nutzung fossiler Energieträger
  1. Lagerstätten-
    prospektion
  2. Abbaumonitoring
  3. Überwachung Altbergbau
  4. Monitoring von CO2-Speichern
  1. Liegenschaftsdaten
    (z.B. ALK)
  2. Digitale Geländemodelle (DGM)
  1. Geologie
  2. Hydrologie
  3. Boden
  4. Umweltschutz
  5. Naturschutz
Ausbau der Nutzung regenerativer Energien
  1. Standortplanung
  2. Potenzialanalyse
  3. UVP
  1. Liegenschaftsdaten
    (z.B. ALK)
  2. Digitale Geländemodelle (DGM)
  3. 3D Gebäudedaten
  1. Geologie
  2. Hydrologie
  3. Boden
  4. Umweltschutz
  5. Naturschutz
  6. Potenzialdaten
    (z.B. Biomassepotenzial, Windenergiepotenzial, Solarpotenzial)
  7. Energieversorgungsanlagen
    (z.B. Stammdaten WKA)
Energieinsparungen
  1. Energetische Gebäudesanierung
  2. Verkehrslenkung / Logistikoptimierung
  1. ALK
  2. DGM
  3. DOM
  1. Gebäudebestandsdaten
  2. Stromnetz
  3. Verkehrswegenetz
Stromnetze
  1. Planung intelligente Netze/ Netzausbauplanung
  2. Mitbenutzung und Mitverlegung von Infrastrukturen (Glasfaser, Straßenbau, Bahnnetze)
  1. ATKIS
  2. DGM
  1. Stromnetz
  2. Verkehrswegenetz
Energiespeicherung
  1. Planung
  2. Betrieb
  3. Monitoring
  4. Vernetzung
  1. DGM
  1. Geologie
  2. Netzinfrastruktur
  3. Strom
  4. Gas

Tab. 1: Unterstützung von Kernprozessen der Energiewende durch Geodaten

Aus Sicht des DDGI e. V. sind jedoch folgende Optimierungspotenziale bzgl. der Verfügbarkeit der in der Tabelle aufgeführten Geodaten zur Realisierung der Energiewende erkennbar:

Aus Sicht des DDGI e.V. sind jedoch folgende Optimierungspotenziale bzgl. der Verfügbarkeit der in der Tabelle aufgeführten Geodaten zur Realisierung der Energiewende erkennbar: 

    1. Die Zusammenführung von raumbezogenen Informationen (Geobasisdaten, Geofachdaten) ist aufwändig. Aus vertrieblich-organisatorischer Sicht existieren allein für Geobasisdaten, Hauskoordinaten/-umringe und SAPOS drei zentrale Vertriebsstellen in Deutschland und weitere für die Geofachdaten. Zumindest wurde mit WebAtlasDE von einigen Bundesländern ein vereinfachter öffentlicher Zugang unter inhaltlich-darstellerischer Harmonisierung geschaffen, der bei weiterem Ausbau eine technische und inhaltliche Basis für den Geodienst „Energiesysteme Deutschland“ bilden könnte. Voraussetzung dafür ist Flächendeckung bei einheitlichen Nutzungs- und Lizenzmodellen des WebAtlasDE. In diesem Zusammenhang wird auch die Einrichtung einer Stelle (organisatorische Basis) angeregt, die sich verwaltungsebenen- und ressortübergreifend um die Beschaffung, Bereitstellung und Lizenzierung relevanter raumbezogener Daten kümmert. Dieser Ansatz ließe sich im Rahmen der bundesweiten Entwicklungen zur Umsetzung von e-Government und Open Data berücksichtigen.

 

    1. Trotz langjähriger Bemühungen der AdV zu einheitlichen lizenzrechtlichen Grundlagen zu kommen, die auch schon seit Jahren in entsprechenden Mustern und gebührenrechtlichen Handlungsrahmen vorliegen, existieren in den Ländern immer noch uneinheitliche Regelungen. Dies erschwert die verwaltungs- wie auch wirtschaftsseitige Harmonisierung und Verwendung von bundesweit verfügbaren öffentlichen Geodatenbeständen und behindert die Implementierung von Transparenz schaffenden bundesweiten Diensten bzw. Informationsportalen für die Begleitung der Energiewende. Es ist daher erforderlich, dass einheitliche Handlungsrahmen auch einheitlich in den Ländern umgesetzt werden.

 

    1. Für das Monitoring von Bewegungen der Erdoberfläche, von Bodenbewegungen, zur Bergbauüberwachung, zur Überwachung von Erdgas-Kavernenspeichern und Geothermie Anlagen sind neue Beobachtungsverfahren zu entwickeln damit kontinuierlich Veränderungen (Hebungen, Senkungen) der Erdoberfläche festgestellt werden können. Es ist zu prüfen, ob neue Satellitengenerationen der EU-Initiative GMES (Global Monitoring for Environment and Security) Beiträge dazu leisten können.

 

    1. Für die Bewertung der Potenziale der Energieerzeugung durch Biomasse (Qualität und Quantität), Solarenergie (verfügbare geeignete Flächen bzw. Dachflächen für Solaranlagen) und die Gebäudeisolierung (Stand der bundesweiten Gebäudeisolierungen) liegen keine bundesweit flächendeckenden Daten vor. Dieser Datenbedarf ist zu decken.

 

    1. Derzeit ist kein System verfügbar, das den Bürgern eine dynamische deutschlandweite Übersicht über das bestehende Stromnetz und den für die Energiewende geplanten Ausbau des Netzes ermöglicht. Ein solches internetbasiertes Auskunftssystem würde die Bürgerbeteiligung an dem Planungsverfahren erheblich unterstützen und der Öffentlichkeit einen anschaulichen Überblick geben (vgl. Empfehlung A). Die geeigneten Internetplattformen (www.netzausbau.de) existieren bereits.

 

Neben dem bereits beschriebenen Bedarf an geeigneten Geodaten sind für die Umsetzung der Energiewende auch Systemlösungen zur Erfassung, Analyse und Visualisierung dieser Daten notwendig. Die aus der Geoinformationswirtschaft hierzu bisher verfügbaren Geoinformationssysteme (GIS) und Geodateninfrastrukturen (GDI) befinden sich auch in vielen mit der Energieversorgung befassten Behörden und Unternehmen im Einsatz. Für die Zwecke der Energiewende sind jedoch Erweiterungen dieser Systeme unabdingbar um Transparenz für den Bürger zu schaffen. Beispiele gelungener Bürgerinformationssysteme mit Geoinformation sind im Anhang A gegeben.

Die im folgenden Kapitel beschriebenen Vorschläge sollen zu einer Erschließung der beschriebenen Optimierungspotenziale beitragen und als Diskussionsgrundlage für die weitere Abstimmung zwischen Lösungsanbietern aus der Geoinformationswirtschaft und Entscheidungsträgern aus Politik und Energiewirtschaft dienen.


3. Handlungsempfehlungen

Empfehlung A:
Mehr Transparenz für den Bürger

Stuttgart 21 hat eindrucksvoll demonstriert warum Großmaßnahmen heute mit mehr Transparenz für den Bürger einhergehen müssen. Die vorliegenden Gesetzesentwürfe zur Energiewende fordern daher mehrfach die Einrichtung informationstechnischer Infrastrukturen.

Die geforderte Transparenz und Bürgerbeteiligung im Rahmen eines „e-Government“ oder besser „Open Government“ bezieht sich auf mehrere Phasen des Energieumbaus, die für den Bürger transparent dargestellt werden müssen:

    • Energiegewinnung aus Wind, Sonne, Wasser, Erdwärme, Biomasse etc. durch interaktive Potenzialkarten,

 

    • Standortvorschläge für Generatoren und Zwischenspeicher,

 

    • Lagerstättenplanung für Abfälle, auch CO2-Speicher,

 

    • Trassierung von Durchleitungen,

 

    • Synergien mit anderen Netzausbauten, die sich nutzen lassen (z.B. Breitband),

 

    • Ergebnisse des laufenden Monitorings im Betriebszustand,

 

    • Energieverlustkarten u.a.m.

 

In allen Entwicklungsphasen sollten in neutraler, sachlicher Form sowohl die Grundlagen der jeweiligen Entscheidung offenliegen als auch Szenarien möglicher Folgen aufgezeigt werden. Hierzu gehört das Aufzeigen von Varianten mit ihren Vor- und Nachteilen, beispielsweise in Form von Landnutzungskonflikten, Pufferzonen um Wohngebiete, Naturschutzgebieten oder anderen schützenswerte Einrichtungen, Bereiche von Abschattungen, Lärmquellen oder sonstigen Beeinträchtigungen.

Voraussetzung hierfür ist die

    • Verfügbarkeit und Identifizierbarkeit der benötigten Datenbestände,

 

    • eine hohe Aktualität der benötigten Rauminformationen und

 

    • die objektive, einheitliche und flächendeckende Bereitstellung.

 

Da die Mehrzahl der benötigten Informationen ortsbezogen ist, wird eine frühzeitige Einbeziehung von Verfahren und Expertisen des Geoinformationswesens einschließlich der Erdbeobachtung empfohlen. Auch ist zu prüfen, ob eine Veröffentlichung ausgewählter raumbezogener Informationen aus behördeninternen Informationssystemen rasch Transparenz herstellen kann. Interaktive online Kartendienste wie sie beispielhaft in
Anhang A aufgeführt sind wären dafür das geeignete Mittel. Die rasche Umsetzung des Regierungsprogramms „Transparente und vernetzte Verwaltung“ schafft hierfür den geeigneten Rahmen.

Es sei an dieser Stelle jedoch nochmals hervorgehoben, dass neben der Implementierung von (Geo)datenkatalogen und (Geo)datenportalen (www.geoportal.de, www.geoinfomarkt.org und www.geolizenz.org) es auch einer organisatorischen Einheit bedarf, die über Geobasis- und Geofachdaten hinaus transdisziplinär, ressort- und verwaltungsebenen übergreifend sich um die Verfügbarkeit, Bereitstellung und Lizenzierung relevanter Geoinformationen nachhaltig kümmert.

In diesem Zusammenhang ist zu wünschen, dass sich die geldleistungsfreie Bereitstellung von Geoinformationen nach dem Beispiel des Umweltinformationsgesetzes (UIG) bzw. dem Änderungsgesetz zum Geodatenzugangsgesetz (GeoZG) umfassend für alle raumbeziehbaren Informationen der Verwaltung von Bund und Ländern durchsetzt.

Empfehlung B:
Optimierung des Datenzugangs und der Datennutzung

Deutschland besitzt heute eine Vielzahl hochwertiger Geobasis- und Geofachdaten vom Gebäude- und Trassenbestand über großflächige Landnutzung, von Wasser- und Luftparametern bis hin zu Klima- und Katastrophenschutzszenarien. Die Daten befinden sich allerdings im Besitz unterschiedlicher Verwaltungen auf allen Ebenen und bei privaten Anbietern. Sie sind daher inhomogen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst und in verschiedenen Formaten abgelegt.

Für die Durchführung der Energiewende ist jedoch sicherzustellen, dass die Daten über einheitliche Bezugsquellen und mit standardisierten Lizenzmodellen, also minimierten administrativen Hürden verfügbar sind. Ferner muss für Aktualität dieser Informationen entsprechend bestimmter Zeitschnitte gesorgt werden. Falls trotz erheblicher Anstrengungen durch Netzwerke und Einrichtungen wie GDI-DE und IMAGI empfindliche Lücken, auch Aktualitätslücken, mit konventionellen Geodaten nicht zu schließen sind, müssen alternative Quellen, beispielsweise durch Open Data Ansätze, Crowd Sourcing Verfahren, Einsatz ziviler Drohnen oder Satellitendaten erschlossen werden. Zu letzteren kann der Gesetzgeber z. B. auf bestehende nationale Satellitendatenquellen zurückgreifen, die im Rahmen von Projekten wie dem europäischen GMES (Global Monitoring for Environment and Security) allen durchführenden institutionellen Stellen kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Der Änderungsbedarf gesetzlicher Grundlagen ist zu prüfen.

Der DDGI hält weiterhin an seiner Empfehlung fest, eine zentrale Datenbeschaffungsstelle einzurichten (vgl. Empfehlung A). Es wird daher empfohlen, eine bundesweite koordinierende Beschaffungsstelle einzurichten, die über den Bedarf an Geobasis- und Geofachdaten hinaus sich um die Bereitstellung, Freigabe und Lizenzierung weiterer benötigter raumbeziehbarer öffentlicher Informationen kümmert.

Empfehlung C:
Dynamisierung der Informationslage durch Monitoring

Die Energiewende wird durch die mit ihr verbundene Dezentralisierung der Energieversorgung massive Eingriffe in die Landnutzung mit sich bringen.

Die Folgen können sein:

    • Landverbrauch durch neue Trassenanlagen,

 

    • die Veränderung und/oder Degradation von Flora und Fauna durch die mit dem steigenden Anbau von Energiepflanzen verbundene Landnutzungsintensivierung,

 

    • Geländehebungen und -senkungen durch Erdwärmenutzung, Gas- und
      CO2-Speicher,

 

    • Kontamination von Boden und Grundwasser durch Nutzung unkonventioneller Erdgasvorkommen mittels Fracking und

 

    • Marktverzerrungen und Unterversorgung durch Konflikte zwischen Lebensmittel- und Biomasseproduktion.

 

Daher wird es notwendig sein, vom frühen Planungsstadium bis zum Betriebszustand, ein kontinuierliches Monitoring einzurichten, um notfalls rechtzeitig und intelligent gegensteuern zu können.

Der DDGI empfiehlt daher, geeignete Konzepte zu erarbeiten, die die regelmäßige Erfassung und Überwachung von relevanten Veränderungen ermöglichen, damit der Gesetzgeber rechtzeitig reagieren kann.

In diesem Zusammenhang ist auch zu prüfen, ob in Fachgesetzen, wie beispielsweise für den Bergbau oder das Markscheidewesen oder in Genehmigungsverfahren (bspw. Windkraftanlagenbau), die modernen Methoden der raumbezogenen Datenerfassung ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend berücksichtigt sind.

Beispielsweise lassen moderne Fernerkundungsverfahren mit Radarinterferometrie ein Dauermonitoring von Bodenbewegungen im Bereich von Millimetern zu und ermöglichen damit früher die Erfassung von Veränderungen und Risiken.

Empfehlung D:
Optimierung der öffentlichen Kommunikation durch Systemtechnik, Sensorik, soziale Netzwerke und Open Data

Die moderne Geoinformations- bzw. GIS-Technologie bietet heute eine Reihe von Datenerfassungsmöglichkeiten an, die gezielt für die Beantwortung der energiewirtschaftlichen Fragestellungen, aber auch für die Information der Öffentlichkeit und für die Kommunikation unter betroffenen Bürgern verwendet werden können.

Beispielsweise ermöglichen Sensor-Web-Verfahren (intelligent vernetzte Sensoren aller Art an verteilten Standorten) die dynamische Erfassung von raumbezogenen Prozessen (Gewässergüte, Wasserstand, Luftverschmutzung, Lärmbelastung u.v.a.m.).
Die Methode des Crowd Sourcing bzw. des Volunteered Geographic Information (VGI), die sich bereits für die Erfassung von Straßendaten bewährt hat (Open Streetmap Ansatz), ermöglicht es jedem Bürger mit tragbaren, positionsbestimmenden Erfassungsgeräten freiwillig Beobachtungen über Schäden, Potenziale, Konflikte etc. öffentlich mitzuteilen.

Erwähnenswert ist auch, dass soziale Netzwerke und soziale Medien, Tweets, Feeds, Videos und Bildmaterialien im Internet mit Zeit- und Koordinatenstempel verfügbar sind und georeferenziert dargestellt werden können. Diese Möglichkeit der Verknüpfung von Webinformationen mit Rauminformationen kann gezielt für die Begleitung der Energiewende genutzt werden.

Die Daten zur Energiewende können als Open Government Data Bürgern und Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Damit wird ein klares Bekenntnis zu Transparenz und Partizipation gesetzt.

Bereits thematisiert wurde das laufende Monitoring mit Fernerkundungssatelliten (Landnutzung inzwischen in Luftbildqualität, Meeres- und Luftparameter, Bodenbewegungen in der Größenordnung von Millimetern). In Ergänzung dazu können zivile Drohnen flexibel und schnell hochauflösende, örtlich begrenzte Umweltdaten liefern.

Die Anstrengungen der Bundesregierung zur Bereitstellung von offenen Daten werden begrüßt. Nicht aus den Augen verloren werden darf das Ziel, zu Gunsten einer flächendeckenden Versorgung mit offenen Daten, diesen Ansatz in den Bundesländern auszurollen, um 16 (Länder) +1 (Bund) Lösungen zu vermeiden.

Empfehlung E:
Geodienst „Energiesysteme Deutschland“

Der breiten gesellschaftlichen Diskussion zum Netzausbau und Energiesystemumbau fehlt heute eine einheitliche und öffentlich zugängliche Internet-Plattform, die durch den Veränderungsprozess aufgeworfenen Fragen beantwortet. Stattdessen muss der Bürger eine Web-Recherche durchführen, unterschiedliche Fundquellen bewerten, inhaltlich abgleichen etc.

Ein themenspezifischer Geodienst würde Abhilfe schaffen. Gegenwärtig existieren unterschiedliche Informationsquellen, die redundante Informationen enthalten, raumbezogene Visualisierungen vermissen lassen und kaum gemeinsam genutzt werden können. Abhilfe schaffen würde ein gemeinsam betriebener bundesweiter Geodienst mit Fokus auf die Energiewende, der für die Gesellschaft auch Partizipationsvoraussetzungen schafft wie

    • Transparenz über die Standorte heutiger und künftiger Energieerzeugungs- und Verteilungssysteme,

 

    • ein Monitoring der Veränderungen (Was hat sich bereits verändert? Welche Auswirkungen auf die Landnutzung hat das? Wo sind potenzielle Standorte?) und

 

    • Informationen über aktuelle Planungen.

 

Ein beispielhafter Ansatz dafür ist der bayerische Energieatlas (www.energieatlas.bayern.de), nach dessen Vorbild ein bundesweiter Ansatz geschaffen werden könnte.

Aus der dargestellten Problemlage lässt sich klar ableiten, dass der Geodienst alle relevanten Informationen zu neuen dezentralen Energiesystemen der Zukunft in ausreichender Aktualität und Vollständigkeit in georeferenzierter Form enthalten muss. Zudem sollten die Informationen in digitalen und nutzerfreundlichen Karten abgebildet werden, wofür es einer transdisziplinären organisatorischen Grundlage bedarf.

4. Schlussbemerkungen

Für den Prozess der Energiewende können Geoinformationen in Verbindung mit den Möglichkeiten und weiteren Informationsquellen des Internets einen erheblichen Mehrwert schaffen. Erste Ansätze dafür sind verfügbar, wie beispielsweise die Standards, Dienste und Daten aus Geoinformationssystemen und der Geodateninfrastruktur (GDI) in Deutschland (www.imagi.de).

In der Begleitbroschüre zum zweiten Entwurf des Netzentwicklungsplans, der am 15. August 2012 von den Übertragungsnetzbetreibern vorgelegt wurde, heißt es:

„Der Netzausbau ist elementarer Bestandteil eines Gelingens der Energiewende, denn das Tempo des Netzausbaus bestimmt das Tempo der Energiewende. Wenn er weiterhin hinter der Ausbaugeschwindigkeit der Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien zurück bleibt, sind die Erreichung der Ziele der Energiewende und die Versorgungssicherheit gefährdet. Ein Verzicht auf Optimierung, Verstärkung und Ausbau des Übertragungsnetzes würde darüber hinaus an anderer Stelle hohe Kosten verursachen.“

Dies legt nahe, relativ frühzeitig die Verfügbarkeit aller benötigten Geoinformationen sicherzustellen.

Damit diese umfassend für die hier angerissenen Fragestellungen in Wert gesetzt werden können, müssen Zugangsbarrieren abgebaut und Open Data Ansätze initiiert werden. Daten müssen ohne Spezialkenntnis rasch auffindbar sein; Datendienste müssen einfach und interoperabel in u. a. Webportale, Soziale Netzwerke integriert werden können. Davon profitieren die von der Energiewende betroffenen Interessengruppen, insbesondere die Bürger.

Trotz Fortschritten sind wir in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, noch weit von diesem Ziel entfernt. Die notwendigen Maßnahmen zur kostensparenden, umwelt- und bürgerverträglichen Gestaltung der Energiewende bieten eine neue Chance, diese Infrastruktur zu realisieren und ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial für die Verwendung von Geoinformationen auch für andere Fragestellungen und Aufgaben freizusetzen.

Die Nutzung und offene Bereitstellung von Rauminformationen zu den physischen Anlagen der Energieerzeugung, Speicherung und Transport sollten als verbindliche Regelungen in den Gesetzen zur Energiewende eingeführt werden, um die gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende deutlich zu erhöhen. Gleichfalls sollte eine zentrale Plattform angelegt und zentral betrieben werden, die die Kooperation aller Beteiligten unterstützt und raumbezogene Informationen beschafft, bereitstellt und lizenziert.

Der DDGI e.V. ist bereit, die Expertise seiner Mitglieder in die Diskussion von Gesetzesvorlagen, die Erstellung von Durchführungs- und Implementierungsregeln und für die Implementierung prototypischer Anwendungen einzubringen. Gebündelt werden die dafür
notwendigen Kompetenzen aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung in der DDGI Beratungsgruppe „Energiewende und Geoinformationen“, in der die DDGI-Mitglieder folgende Branchenfelder vertreten:

    • Management und Beratung

 

    • Internet und Open Data

 

    • Informationstechnologie und Geoinformationssysteme

 

    • Fernerkundung und Monitoring

 

Die Beratungsgruppe ist für das Thema „Energiewende“ die Schnittstelle zur Politik und den Fachverbänden der Energiewirtschaft.

Glossar

ALK
Automatisierte Liegenschaftskarte

ATKIS
Amtliches Topographisch-Kartographisches Informationssystem

BWE
Bundesverband WindEnergie e.V.

DGM
Digitales Geländemodell

DOM
Digitales Oberflächenmodell

EnLAG
Energieleitungsausbaugesetz

GDI
Geodateninfrastruktur

GDI-DE
Geodateninfrastruktur Deutschland

GIS
Geoinformationssystem

GMES
Global Monitoring for Environment and Security

IMAGI
Interministerieller Ausschuss für Geoinformation

SAPOS
Satellitenpositionierungsdienst der deutschen Landesvermessung

UVP
Umweltverträglichkeitsprüfung

WKA
Wärmekraftanlagen

Literatur

 

 

 

 

 


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